Seit 25 Jahren leben wieder Wölfe in der Schweiz. Als Biologin und Naturschützerin beschäftige ich mich seit ebenso vielen Jahren mit der unaufhaltsamen Rückkehr der Wölfe. Insbesondere interessiert mich das Verhältnis der Menschen zu diesen Grossraubtieren. Brigitte Wolf, ffu-pee-Mitg
Schon vor 30 Jahren, damals noch in Graubünden zuhause, beschäftigte ich mich als Präsidentin des WWF Graubünden und frischgebackene Biologin mit der bevorstehenden Einwanderung der Wölfe in die Schweiz. Wenige Jahre später liess ich mich im Wallis nieder – fast gleichzeitig wie die ersten Wölfe. Und noch et[1]was ist in diesem Zusammenhang erwähnenswert: Ich heisse Wolf. Meine Walliser Wolfsgeschichte begann an einem Podiumsgespräch in Naters. Im Winter 1996 war ein Wolf nahe von Brig unterwegs und riss Haustiere. Ich wurde angefragt, ob ich an einem Podium über den Wolf teilnehmen würde. Etwas blauäugig sagte ich zu. Ein Saal voller SchäferInnen buhte jedes Mal, wenn ich etwas sagte. «Erschiessen sollte man den Wolf da vorne», hörte ich es raunen. Seit diesem Abend hatte das Oberwallis so etwas wie einen Sündenbock. Sechs Jahre später liess sich in der Schweiz das erste Wolfsrudel nieder. Die Wölfin F07 und der Rüde M30, die zuvor im Wallis nachgewiesen wurden, hatten sich am Calanda niedergelassen. Ausgerechnet in der Region, in der ich aufgewachsen bin, pflanzten sich die ersten Wölfe fort.
Stimmungsmache
Zurück ins Wallis. Die hiesigen Politiker (die männliche Form ist hier durchaus korrekt) und auch die grosse Mehrheit der Walliser Bevölkerung waren überzeugt, dass die Wölfe ausgesetzt worden seien, dass sie keinen Platz in der dicht besiedelten Schweiz hätten und dass es am besten sei, jeden Wolf, der es wagt, eine Pfote auf Schweizer Boden zu setzen, möglichst rasch zu eliminieren. Die «Bestie» sollte wieder ausgerottet werden, so wie es unsere Urgrossväter wohlweislich getan hätten. Kein Walliser Politiker hätte gesagt: «Der Wolf ist auf natürliche Weise eingewandert, nun braucht es Massnahmen zum Schutz der Schafe und Ziegen.» Stattdessen wurde den Müttern empfohlen, ihre Kinder nicht mehr alleine aus dem Haus zu lassen. «Sehen, schiessen, schaufeln, schweigen», lautete eine halböffentliche Aufforderung eines Regierungsrats. Bald erkannten einige Politiker aber auch, wie dienlich der Wolf als Wahlkampfthema sein konnte. 2015 ging Franz Ruppen (SVP) bei den Nationalratswahlen mit dem Slogan «Für ein Wallis ohne Wolf» auf Stimmenfang. Zusammen mit Ständerat Beat Rieder von der CVP, die mit dem Slogan «Schafe statt Wölfe» Wahlkampf machte, war er im Parlament massgeblich beteiligt an der Ausarbeitung des «Antiwolf-Jagdgesetzes», das im September 2020 von den «ach so bösen» StädterInnen bachab geschickt wurde.
Respekt und Achtung
Mit den Argumenten der «WolfsgegnerInnen» habe ich wenig Probleme. Sie haben zwar oft wenig mit evidenzbasierten Erkenntnissen über Wölfe zu tun, aber sie sind auch nicht einfach falsch, sondern entsprechen der Wahrnehmung und dem Weltbild eines grossen Teils der Bevölkerung. Wenn aus den Argumenten jedoch Drohungen werden, geht das zu weit. In all den Jahren habe ich immer wieder anonyme Briefe erhalten. Der Tenor war immer derselbe: Nicht nur den Wolf, sondern auch «die Wölfin» und mit ihr alle Grünen sollte man abschiessen. Ich ignorierte die Briefe jeweils. Einmal aber hatte ich Namen aus einer WhatsApp-Nachricht und aus Facebook-Kommentaren. Da erstattete ich gegen vier Personen Anzeige, weil ich überzeugt bin, dass es wichtig ist, rote Linien zu ziehen. Inzwischen spüre ich von vielen Leuten sogar einen gewissen Respekt und Achtung mir gegenüber. Und mein Fachwissen wird kaum mehr in Frage gestellt.
Wo stehen wir heute?
Ich versuche immer, anständig zu diskutieren, bei den Fakten zu bleiben, nicht nur schwarz und weiss zu sehen. Ich habe Interviews gegeben, bin auf Podien aufgetreten, habe SchülerInnen Auskunft für ihre Arbeiten gegeben und unzählige Diskussionen geführt. Da stellt sich schon mal die Frage, was das alles bringt. Konnte ich in der Wolfsdiskussion etwas bewegen? Unglaubliche 84% der Stimmenden im Oberwallis haben ja gesagt zum Jagdgesetz und damit nein zum Wolf; denn anders als bei den «StädterInnen», bei denen auch Fragen zum Artenschutz, zur Jagd oder zum Umgang mit Grossraubtieren ein Thema waren, reduzierte sich die Abstimmung im Wallis praktisch ausschliesslich auf das Thema Wolf. Das nächste Walliser Wolfskapitel wird schon bald geschrieben, wenn wir über die kantonale Volksinitiative «Für ein Wallis ohne Grossraubtiere» abstimmen. Das Resultat dürfte eindeutig ausfallen. Sind wir also immer noch gleich weit wie vor 25 Jahren? Nein. Wenn heute trotz allem immer mehr LandwirtInnen Herdenschutzmassnahmen umsetzen, ist das genauso ein Wandel, wie wenn die Jagdgesetz Befürworterinnen während der Kampagne betonten, dass es ihnen nicht um die Ausrottung des Wolfs gehe... Aber auch «auf unserer Seite» hat ein Umdenken stattgefunden. Während WWF und Pro Natura früher bei jeder Abschussbewilligung für einen Wolf sturmgelaufen sind, wissen sie heute, dass die Sorgen der Bergbevölkerung ernstgenommen werden müssen, wenn man dem Wolf langfristig dienen möchte. Unter Fachleuten setzt sich die Erkenntnis durch, dass ein konfliktarmes Zusammenleben mit dem Wolf langfristig nur mit einem cleveren Wolfsmanagement möglich ist. Der Wolf bewegt die Gemüter und spaltet die Gesellschaft wie kein anderes Tier. Das Verhältnis des Menschen zum Wolf ist denn auch der alles entscheidende Faktor in dieser Geschichte. Vor 30 Jahren soll ich gesagt haben: «Die Frage ist nicht, ob der Wolf in der Landschaft Platz hat, sondern ob er in unseren Köpfen Platz hat.» Das gilt auch heute noch,
Brigitte Wolf, freischaffend, Kommunikationsverantwortliche im Landschaftspark Binntal, Geschäftsleiterin der Arbeitsgemeinschaft für den Wald sowie Präsidentin der Walliser Gesellschaft für Wildtierbiologie fauna•vs und Präsidentin der Grünen Oberwallis