Die Calanda Wölfe. Ein Interview mit Charly Gurt

NATURA HELVETICA

Charly Gurt lebt seit seiner Geburt am Fusse des Calanda. Der Wolf fasziniert ihn seit seiner Kindheit. Für den 57-Jährigen war es früher kaum vorstellbar, dass er dem Wolf am Calanda einmal begegnen würde. Mittlerweilen ist es nicht nur bei einer Begegnung geblieben. Charly Gurt hat regelmässig das Glück Wölfe am Calanda beobachten zu können. Als begeisterter Naturbeobachter ist er viel in der Region unterwegs, stets begleitet von seiner Kameraausrüstung. Natura Helvetica hatte die Möglichkeit mehr über Charly Gurts Begeisterung für die Region rund um den Calanda und seine Faszination für den Wolf zu erfahren. Seine Bilder sind weit über die Schweiz aus bekannt. 

 

NH: Sie sind eine der wenigen Personen, die dem Wolf in der Schweiz begegnet sind und dies gleich mehrmals. Wem haben Sie als erstes von Ihrer Begegnung erzählt?

CG: Ja das stimmt. Ich hatte bereits mehrfach das Glück Wölfe am Calanda zu beobachten. Ich habe es zuerst sehr lange für mich behalten und erst später innerhalb meiner Familie weitererzählt. Anfangs war für mich nicht klar, wie sich die Akzeptanz des Wolfes innerhalb der Bündner Bevölkerung entwickeln würde und es gab ja doch auch einige Gegenstimmen.

 

NH: Ihr Interesse am Wolf hat sich bereits lange vor dessen Rückkehr in die Schweiz entwickelt. Nun hat sich seit einigen Jahren ein Wolfsrudel sozusagen direkt vor Ihrer Haustür niedergelassen. Was haben Sie gedacht, als sie gehört haben, dass der Wolf am Calanda heimisch geworden ist?

CG: Ich habe den Wolf seit jeher bewundert. Durch die verschiedenen Erlebnisse in den letzten Jahren hat sich die Faszination für dieses Tier dann noch weiter verstärkt. Ich war sehr aufgeregt, als ich damals die ersten Medienberichte zum Wolf in der Schweiz gelesen hatte. Ich wollte natürlich alles über die Rückkehr des Wolfes erfahren und habe mich auch bemüht an Hintergrundinformationen zu gelangen. Es war immer schon ein grosser Wunsch von mir einem freilebenden Wolf zu begegnen. Dies war bis zu diesem Zeitpunkt aber nur im Ausland möglich.

 

NH: Wann haben Sie erstmals einen Wolf am Calanda entdeckt?

CG: Ich habe den ersten Wolf 2017 gesichtet und gleichzeitig er mich. Es war ein sehr grosser Wolf und ich habe bis heute kaum einen grösseren gesehen. Ob es sich effektiv um M30, den Leitrüden des Calandarudels, gehandelt hat, konnte ich nicht beurteilen. Wie immer war ich im Calandagebiet unterwegs, als ich den Wolf in einer Distanz von etwa 200 Meter auf einem kleinen Wanderweg entdeckte. Mein Herz schlug wie wild und ich war sehr aufgeregt. Leider war die Entfernung zu gross und ich konnte keine Bilder von ihm machen. Der Wolf blieb nur einen Augenblick stehen, trotzdem war dieser Moment absolut einzigartig und prägend für mich.

 

NH: Warum denken Sie, hat sich gerade am Calandamassiv eine Wolfsfamilie gebildet?

CG: Ich denke es ist kein Zufall, dass sie sich die Region um den Calanda ausgesucht haben. Das Gebiet ist sehr weitläufig, wild und steinig. Die Wälder bieten dem Wolf Schutz und Versteckmöglichkeiten. Des Weiteren ist es ein hervorragendes Jagdrevier für Wölfe. Schlussendlich ist es ja keine Neubesiedelung im eigentlichen Sinne. Der Wolf kehrt lediglich an einen Ort zurück, an dem er zuvor schon einmal war.NH: Haben Sie den Wolf danach aktiv gesucht oder wie kamen die weiteren Begegnungen zustande?

 

CG: Nach meinen zwei sehr nahen Begegnungen, ging ich auch schon aktiv auf Wolfssuche. Ich suche dabei gezielt Wolfsspuren in der Hoffnung Wölfe anzutreffen.

 

 

 

NH: Wann sind Sie dem Wolf am nächsten gekommen?

 

CG: Das war letztes Jahr. Ich war frühmorgens gestartet um Wild zu beobachten. Ich befand mich gerade auf dem Rückweg und stieg den Berg hinunter. Plötzlich hörte ich von weiter unten Geräusche. Um der Ursache auf den Grund zu gehen und mir ein freies Blickfeld zu verschaffen, stieg ich schnell über die nächste Kuppe. Dahinter entdeckte ich voller Überraschung, wie ein Wolf gerade einen Fuchs verfolgte. Der Wolf musste ziemlich hungrig sein. Füchse stehen normalerweise nicht zuoberst auf der Beuteliste. Die beiden waren so vertieft, dass ich unentdeckt blieb. So konnte ich dem Treiben eine Weile lang zuschauen. Der Wolf war dem Fuchs dicht auf den Fersen. Die Verfolgungsjagd verlagerte sich nun immer mehr in meine Richtung. Ich war vielleicht noch 15-20 Meter von dem Geschehen entfernt, als mich der Wolf entdeckte. Er blieb wie versteinert stehen und fixierte mich mit seinem Blick. Ziemlich ausser Atem, fixierte er mich noch einen Moment lang, bevor er dann weiterzog. An diesem Tag, habe ich wohl dem Fuchs und dem Wolf das Leben gerettet. Es gibt einige Krankheiten (wie zum Beispiel Staupe), die vom Fuchs auf den Wolf übertragbar sind und wer weiss, weshalb sich der Wolf gerade diesen Fuchs ausgesucht hat.

 

 

 

NH: Sind Wolfsbeobachtungen für Sie mittlerweile an der Tagesordnung oder hatten Sie einfach nur Glück, dass Ihnen der Wolf mehrmals zufällig über den Weg gelaufen ist?

 

CG: Nein, an der Tagesordnung bestimmt nicht. Ich ziehe meistens früh am Morgen los wenn ich Wölfe beobachten möchte. Die Wahrscheinlichkeit dann effektiv auch welche zu sehen, ist aber nach wie vor sehr klein. Im Normalfall haben mich die Wölfe bemerkt lange bevor ich sie entdeckt habe. Wölfe sind sehr schlau. Es kann also gut sein, dass sie sich ganz in meiner Nähe aufhalten ohne dass ich von Ihnen Wind bekomme. Ich bin überzeugt, dass sich der Wolf gezielt die Menschen aussucht, denen er sich zeigen will und denen er damit vielleicht auch etwas sagen möchte.

 

 

 

NH: Sind Sie dem Rudel dieses Jahr schon wieder begegnet?

 

CG: Dieses Jahr hatte ich bereits zwei kurze Begegnungen.

 

 

 

NH: Auf den Bildern, die Sie uns geschickt haben, sind zwei junge Wolfsrüden im Alter von etwa einem Jahr oder älter zu sehen. Sind diese Tiere tatsächlich häufiger anzutreffen oder handelt es sich hier um einen Zufall?

 

Tatsächlich handelt es sich bei den fotografierten Tieren um zwei Jungwölfe im Alter von etwa 14 bis 18 Monaten. Es ist schon so, dass man hauptsächlich Jungwölfe zu Gesicht bekommt. Dies liegt wohl daran, dass sie ab einem gewissen Alter ihr Rudel verlassen und dann umherziehen auf der Suche nach einem Partner und einem neuen Revier.

 

 

 

NH: Sie leiten Wolfsbeobachtungen regelmässig der Wildhut weiter. Wie reagiert man dort auf Ihre Meldungen?

GG: Bis jetzt habe ich die Wildhut eigentlich immer über Wolf-Sichtungen informiert. Seit den letzten Abstimmungen im Parlament werde ich der Wildhut jedoch bestimmt keinen Bescheid mehr geben, wann und wo ich Wölfe angetroffen habe. Der Schutz des Wolfes ist mir ein grosses Anliegen. Ich könnte es mir nicht verzeihen, wenn einem Wolf etwas zustossen würde, aufgrund einer von mir gemachten Meldung.

 

NH: Wie schätzen Sie die Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber dem Wolf in der Region um den Calanda ein?

CG: Ich bin grundsätzlich sehr erstaunt wie hoch die Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber dem Wolf ist. Ich kenne sogar einige Jäger, die die Anwesenheit des Wolfes befürworten. Leider gibt es aber auch Menschen, welche noch an Märchen glauben und sich vor dem Wolf fürchten.

 

NH: Man hat mehrfach über Sie und Ihre Erlebnisse mit dem Wolf berichtet. Warum haben Sie den Weg an die Öffentlichkeit gewählt?

CG: Das ist korrekt- man hat mehrfach über mich berichtet. Ich habe den Weg an die Öffentlichkeit gewählt, weil es mir ein Anliegen ist, dass sich die Leute intensiver mit dem Thema befassen und mehr über die wahre Identität des Wolfes erfahren. Ich möchte meinen Mitmenschen die ganze Anmut und Schönheit aber auch die Verletzlichkeit und Ängstlichkeit dieses Tieres vermitteln. Wölfe sind nämlich äusserst soziale Wesen, die sich hervorragend um ihre Familie kümmern. Kranke Rudelgenossen werden nicht einfach im Stich gelassen.

 

NH: Das Interesse am Wolf in der Schweiz ist sehr gross. Befürchten Sie nicht, dass zu viel mediale Aufmerksamkeit dem Wolf schadet und sehen Sie die Ruhe des Wolfes nicht in Gefahr?

CG: Nein, ich befürchte nicht, dass sich die Wölfe in Graubünden durch irgendwelchen Fototourismus gestört fühlen könnten. Ich habe bis jetzt noch keine anderen Tierfotografen angetroffen, die dem Wolf auf der Spur waren. Das Calanda-Gebiet ist ja auch viel zu gross und den Wölfen stehen sehr viele Rückzugsmöglichkeiten zur Verfügung.

 

NH: Aufgrund Ihres Entscheids, Ihre Geschichten publik zu machen und sich öffentlich für den Wolf einzusetzen, machen Sie sich auch selber zur Zielscheibe.

Ich wurde tatsächlich aufgrund eines Artikels in der Südostschweizer Zeitung beschimpft und bedroht. Ich habe sogar eine Morddrohung erhalten. Dies wird mich jedoch nicht davon abbringen, mich auch in Zukunft für den Wolf stark zu machen. Grundsätzlich bekomme ich vor allem immer wieder positive Reaktionen, von Leuten, die sich sowohl über meine Bilder als auch über den Wolf freuen.

 

NH: Wie sehen Sie die Zukunft des Calanda-Rudels?

CG: Die Zukunft des Calanda Rudels liegt ganz in unseren Händen. Ich hoffe, dass uns die Wölfe am Calanda noch lange erhalten bleiben und man nicht Jagd auf sie machtIch wünsche mir sehr, dass man die Wölfe auch in Zukunft in Ruhe leben lässt und Ihnen den Platz in der Natur wieder zurückgibt. Denn Wölfe spielen in der Natur eine wichtige Rolle und diese Rolle spielten sie schon lange vor unserer Zeit.

 

Charly Gurt ist 57 Jahre alt und wohnt in Untervaz. Tier und Natur spielen seit seiner Kindheit eine grosse Rolle in seinem Leben. Seine grosse Leidenschaft gilt der Tier- und Landschaftsfotografie.

 

www.buendnerfotograf.ch/